*25. 12. 1948 New York
High School of Performing Arts. New York. Doktorat in Philosophie an der Universität Wien. Zusammenarbeit mit Univ. Prof. Dr. Andreas Rett – Neurologisches Krankenhaus Rosenhügel. Leiterin des „Kinderhauses“ im Landeskrankenhaus Gugging. Reform und Revolution. Lehrbeauftragte an der Universität Wien. Praxis in Wien - Heiligenstadt.

Seit 1. Jänner 2013 in Therapie

My left hand
: Eve Joy Patzak beginnt am 15. November 2013 zu Zeichnen. Sie arbeitet in den Morgenstunden an datierten Zeichnungen.




*25. 12. 1948 New York
High School of Performing Arts. New York. PhD in Psychology at the University of Vienna. Collaboration with Professor Andreas Rett – Neurological Hospital Rosenhügel. Head of the “Children’s Hospital” at the State Hospital Gugging. Reform and revolution. Teacher at the University of Vienna. Private practise in Vienna - Heiligenstadt.

Receiving therapy since January 1st, 2013

My left hand: Eve Joy Patzak begins to draw on November 15th, 2013. She works on dated drawings in the morning hours.

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Foto: Phillip Horak


„W-o-n-d-e-r-f-u-l!”
Von Angelika Hager

Nach einem Schlaganfall Anfang 2013 war die Psychologin Eve Joy Patzak weniger als nur ein halber Mensch – sprachlos und nahezu bewegungsunfähig.  Jetzt zeichnet sie sich ins Leben zurück und stellt ihre Bilder aus. Die Geschichte der Rückeroberung eines verloren gegangenen Ichs.

Ein erstes Stück Freiheit kam auf Rädern. An den Rand einer Zeitung hatte sie ein Auto gekritzelt. Elf Monate nach dem Schlaganfall, nach fast einem Jahr in der Ausdrucks-Finsternis – am 25. November 2013. Das Bild mag für Außenstehende wie eine krakelige Kinderzeichnung wirken. Heute wird es im Safe der Familie aufbewahrt. Für die heute 65jährige Eve Patzak, ihren Mann Peter und die beiden Söhne Fabian und Serge war die Zeichnung nämlich ein „privates Weltereignis”, wie der Schriftsteller Alfred Polgar einmal jene Dinge beschrieb, deren Bedeutungsausmaß nur einem kleinen Zirkel vorbehalten und dem Rest der Menschheit nicht nachvollziehbar ist.

Erstmals nach Monaten der Ungewissheit, ob „das je wieder was wird”, wie die Ärzte gerne ihre Hoffnungslosigkeit möglichst neutral umschrieben, konnte Eve wie eine Schiffbrüchige eine Leuchtrakete in Form einer Zeichnung abschicken. Dass ihre erste Botschaft ein Auto zeigte, war für ihren Mann im Nachhinein ganz logisch: „Sie war immer autonarrisch, am liebsten hatte sie jedes Jahr ein neues gekauft. Das Auto ist für sie ein Symbol der Freiheit und Unabhängigkeit.”

Inzwischen sind der Auto-Zeichnung Dutzende Blätter nach gefolgt, die meistens frühmorgens auf dem langen Tisch im Esszimmer der Jahrhundertwende-Villa im Klosterneuburger Weidling entstanden.  Sie zeigen Frauen mit schneckenförmigen Haarknoten und stoischen Gesichtern, die gegen die Einsamkeit kämpfen, im Abseits stehen, zu einem Dasein als Randfiguren verdammt sind, aber auch solche , die sich mit anderen zu Gruppenskulpturen verbinden und aneinander Halt finden. Manche strecken einander die Hände helfend entgegen, das sind wahrscheinlich die Therapeutinnen, die täglich ins Haus kommen, um Eve bei ihrem Hochleistungsakt,  die Herrschaft von Körper und Sprache wieder zu gewinnen,  zu begleiten. Es kommen wenig Männer in dieser Welt vor. Ab kommenden Montag wird Eve Patzak ihre Zeichnungen in einer Ausstellung im Wiener Hamakom –Theater im Nestroyhof vorstellen.

Die Blätter erzählen auch  von dem Gefühl, wie ein fremder Besucher in seinem eigenen Leben zu stehen, und von den Anstrengungen, sich gegen diese Beschränkungen zur Wehr zu setzen.  Denn Eve Patzak, die branchenweit reputierte Psychologin, die jahrelang in Gugging mit psychisch gestörten Kindern arbeitete und vieles an Behandlungs-Reformen bewegt hatte, hat zur Zeit nur ein paar Worte zur Verfügung, um sich auszudrücken.  Yes, no, but, why, wonderful, lieb, look, I don’t know.... Viel mehr ist da noch nicht. Aber es werden täglich mehr.

Unser erstes Gespräch ist nur eine Beschnupperung. Peter Patzak ist sich anfangs alles andere als sicher, ob seine Frau sich in der Öffentlichkeit exponieren will. Er glaubt nicht, dass sie  einen Fotografen im Haus zulassen wird. Eve hat in den letzten zwei Jahren kaum Besucher empfangen. Das Haus, das früher von Kindern und Künstlerfreunden bevölkert war, ist leer geblieben. Manche Freunde blieben auch aus freien Stücken weg – aus Angst und Unsicherheit, wie man sich denn da richtig  verhält, bei einem Besuch von einem Menschen, der aus der Spur gekippt wurde. Ich bleibe drei Stunden bei den Patzaks. Es war ein Besuch, vor dem ich auch Angst hatte. Kommuniziere ich mit Eve, als ob nichts wäre? Darf man lustig sein, wenn man eine Schlaganfall-Überlebende besucht? Nervt es beide, wenn ich in einen Betroffenheits-Pathos abdrifte?

Ich hatte Eve Patzak bei unseren paar Begegnungen in den neunziger Jahren als toughe, souveräne und äußerst emanzipierte Frau in Erinnerung, die sich mit Leidenschaft ihrem Beruf verschrieben hatte, ihre zwei Söhne nahezu im Alleingang schupfte ( denn der auch ein bisschen egomanische Künstler-Gatte drehte pausenlos in der Weltgeschichte) und aus der Hüfte noch ein Abendessen für zehn Personen improvisieren konnte. Sie sah - wie heute auch - besonders mädchenhaft aus, was einen schönen Kontrast zu ihrem staubtrockenem amerikanischem Humor bildete.

Anfang der siebziger Jahre hatten sie sich kennen gelernt, der „Jungfilmer” Patzak und die flachsblonde Psychologiestudentin, die vor dem Künstlercafé  „Hawelka” in der Dorotheergasse stand und lauthals das U-Boot-Lied der Beatles „We are all in the yellow submarine” schmetterte.

Wie sollte man sich da auch nicht verlieben, fragt Patzak jetzt rein rethorisch. Und was für ein poetischer Wink des Schicksals, dass just der vierzehnjährige Knabe, der Eve Joy aus der nachbarschaftlichen Ferne anbetete, als das Bohème-Pärchen damals in die erste gemeinsame Wohnung im sechsten Bezirk zog , ihr Arzt auf der AKH-Intensivstation nach dem Schlaganfall werden sollte. Ein Arzt, der inzwischen zu einem Freund der Familie geworden ist. Und das, was in den letzten Monaten mit Eve passiert ist, für ein Wunder hält. Wie man sich ein solches Wunder erklären kann? Ganz einfach: „Das ist nur sie. Sie will es. Und sie arbeitet hart. Und meine Söhne kommen, wann immer sie können. Und sie können oft. Natürlich helfen Liebe und die eigene Umgebung bei der Heilung. Und ein therapeutischer Hofstaat, der für viele gar nicht zugänglich ist, weil die sich das gar nicht leisten können, ist natürlich auch nicht zu unterschätzen. Aber am Ende kommt es nur auf das Naturell an. Den Willen. Eve hadert nicht mit ihrem Schicksal. Sie gibt Gas. Und ist nicht aggressiv. Viele Menschen in ähnlichen Situationen verzweifeln oder werden bösartig. Nicht Eve. Sie ist fröhlich. Und bestimmt. Sie lässt nichts mit sich geschehen, was sie nicht will.”

Vielleicht ist das ein wichtiger Teil des Geheimnisses: Dass man sich, auch im Zustand krankheitsbedingter Hilflosigkeit, dagegen wehrt, Opfer zu sein.

Im Laufe dieses Nachmittags tanzt Peter Patzak ein paar Mal durch seine Küche. Drei neue Worte in drei Stunden! Ein neuer Rekord. „Fabi war so lieb!” erzählt Eve und meint damit ihren Sohn Fabian, der als viel versprechender Maler in Wien lebt. Später wird sie „Exactly” und „genau” erstmals artikulieren können. Patzak öffnet eine Flasche Wein. Darauf gehört angestossen. Sie schickt ihm den klassischen Ehefrauen-Blick, der signalisiert: „Natürlich! Dafür hast du noch immer einen Grund gefunden.“ Patzak und ich leeren die Flasche. Eve klopft auf den Tisch und signalisiert ihrem Mann, dass sie Hunger hat.

Ein paar Tage später komme ich mit Philipp Horak, dem profil-Fotografen. Eve legt Lippenstift auf. Sie umkurvt ihre Lippen angestrengt, aber punktgenau. Patzak erzählt, dass sie, kaum war sie wieder im Besitze ihres Bewusstseins, sich  auch um ihr Äußeres wieder gesorgt hatte. Und dann erzählt er die Geschichte, die Woody-Allen-Niveau hat. Um dem Arzt, der die Pflegestufe fest zu stellen hatte, einen so drastischen wie finanzfreundlichen Eindruck zu vermitteln, hatte der Regisseur mit Eve eine Nummer mit dem Arbeitstitel „Tragisches Schlaganfallopfer mit schiefem Gesicht” einstudiert. Eve lacht tief und kehlig, als Patzak diese Geschichte erzählt. Sie lässt ihr Gesicht absacken, um die Story pantomimisch auszuschmücken. Womit der Ehemann aber nicht rechnen konnte, war das gute Aussehen des Pflegestufen-feststellenden Kassenarztes: „Plötzlich hat sie alle Verabredungen über den Haufen geworfen und ist wie ein junges Mädchen da gesessen – hoch erhobenes Haupt und flirtatives Lächeln.“

 Die Geschichte amüsiert sie noch immer.  Nein, sie hat ihn nicht verloren, ihren Humor. Trotz der Gedulds- und Disziplinproben und den manchmal nur zäh vorangehenden Fortschritten, deren Mühsal sie erklärt, indem sie mit der Hand langsame Wellen in die Luft zeichnet.

 Das Gehen erfolgt noch in langsamen Etappen, ihr Gesichtsausdruck ist dabei hoch konzentriert. Nach ein, zwei Schritten muss sie eine Pause machen. Vor zwei Jahren konnte sie sich kaum bewegen. Heute braucht sie keinen Rollstuhl mehr. Genauer gesagt, hat sie ihrem Mann mit aller Vehemenz schon vor mehr als einem Jahr unmissverständlich signalisiert, dass er sich mit dem Rollstuhl brausen gehen kann. Genauso wie mit dem „Totenbett”, das ihr von der Krankenkasse für die häusliche Pflege zur Verfügung gestellt worden war. „Ich musste alles abtransportieren lassen“, erzählt Peter Patzak, der in seiner Bemühung alles richtig zu machen, auch viel falsch gemacht hat: „Als sie im Spital war, habe ich das ganze Haus behindertengerecht umbauen lassen. So schnell hab ich gar nicht schauen können, musste ich alle Rampen wieder raus reißen lassen. Das wollte sie überhaupt nicht.” Eve lacht, als er das erzählt, es ist so ein raues Bette-Davis-Lachen, und dann schüttelt sie sich und rollt ein langes „Brrrrrrr”, um zu zeigen, wie widerwärtig sie dieses ganze Kranken-Getue gefunden hat.

Fast genau zwei Jahre sind seit jenen Wochen vergangen, in denen sie zwischen Leben und Tod schwebte.  Man nicht wusste, „ob das noch was wird.”

In der Nacht des Neujahrstags 2013 war ein privates Weltereignis über die Patzaks herein gebrochen. „Da ging bei uns das Licht mit einem Schlag aus“, sagt Peter Patzak.

Nach den turbulenten Feiertagen hatte sich die gebürtige Amerikanerin und promovierte Psychologin entschlossen, doch nicht auf eine Essenseinladung mit ihrem Mann zu gehen, und allein den Abend zu Hause zu verbringen. Als der Filmemacher Peter Patzak gegen Mitternacht zurückkehrte, geriet er zuerst in Panik, weil er seine Frau nirgends finden konnte. Eve war eingeklemmt und deswegen nicht sichtbar zwischen Sofa und Wand gelegen; bewusstlos durch einen Schlaganfall. Offensichtlich hat er sie beim Gehen nieder gestreckt.

Doch daran kann sie sich heute nicht mehr erinnern. Der Abtransport durch die Rettung auf die Intensivstation des AKH, ihr verzweifelter Mann, der zusehen musste, wie die Sanitäter noch draußen, in der Eiseskälte, auf der Bahre die Funktionstüchtigkeit ihres Herzens untersuchten – alles wie ausgelöscht.

Woran sie sich aber mit aller Vehemenz am liebsten nie mehr erinnern möchte, ist jene Zeit am Rosenhügel, als sie in der „Reha” nach Wochen in der Intensivstation, in aller Härte mit ihrem neuen Schicksal konfrontiert wurde. Sie schüttelt sich und formt den Mund zu einem langen „Brrrrr”. Es erzählt viel über die Psyche von Eve Patzak, dass sie das Wort „wonderful” nahezu lupenrein aus ihrem Mund auf Reise schicken kann, aber ein „horrible” sich noch nicht formen lassen will. Mit Gesten und Worten erzählt sie von dem Gefühl, das zwischen Erniedrigung und Hilflosigkeit anzusiedeln ist. „Es war schrecklich“, sagt Patzak, „sie hat nur geweint und ist in eine Depression gestürzt. Ich wusste, ich musste sie von dort wegbringen. Meine Söhne haben sich zu ihr ins Bett gelegt, sie abgebusselt, wir haben sie mit Liebe beatmet, aber es hat alles nicht genutzt. Ich habe sie damals dann regelrecht entführt. Von einem Tagesausflug sind wir nicht mehr zurück gekommen. Mit dem Einverständnis der Ärzte.” Eve grinst und hebt die Hand zu einem Winken: „Bye, bye.”

„Wonderful” war auch das erste Wort, das sie, wieder zu Hase, nach Monaten, in denen sie sich nur auf  kehlige Lautmalerei beschränken konnte, hervorbrachte. Es war das erste Ticket aus der Sprachlosigkeit. Genauso wie jenes kleine Kinder-Auto, das sie mit ihrer linken Hand zeichnen konnte, die erste symbolische Botschaft aus einem Land war, in das sie durch die fehlerhafte Blutversorgung ihres Gehirns katapultiert worden war. Einem Land, in dem sie sich von allem, was ihre Welt früher ausmachte, weggesperrt und ausgeschlossen fühlte. Einem Land, in dem sie zum Zaungast ihres früheren Lebens degradiert wurde. Denn das ist das Glück, aber auch die Perfidie ihres Zustands: Das Bewusstsein ist scharf, aber das Ausdrucksrepertoire von Geist und Körper schwer angeschossen. In den ersten Monaten nach „der Keule, die das Schicksal auf uns donnern ließ”, war Eve Patzak ein halber Mensch gewesen. Und zwar im wortwörtlichen Sinn. Denn ihr fehlte das Gefühl für die rechte Hälfte ihres Körpers. Er war nicht nur taub und gefühllos geworden; auch das räumliche Fühlen war ihr abhanden gekommen. In ihrem Inneren fühlte sie sich wie jemand, dem eine Hälfte weg montiert wurde. Ihre rechte Hand ließ sich nicht mehr öffnen; sie sah wie eine eisern zusammen gekrallte Faust aus. Dass sie sie seit ein paar Monaten wieder aufmachen und die Finger aus ihrer Starre lösen kann, macht sie sehr stolz. „Look, look“, sagt sie und führt ihr neu gewonnenes Stück Freiheit wieder vor.

Das Auto war nur der Anfang des fieberhaften Zeichens, mit dem sie sich seit nun mehr vierzehn Monaten aus ihrer Verbannung schrittweise befreit.  Die Blätter aus den ersten Monaten zeigen viele halbe Frauen, niedergestreckt in Seitenlange und ins Leere blickend.  Aber auch eine Eve, die mit wehender Mähne fröhlich lachend in einem fetten Mercedes sitzt. In den ersten Monaten nach der Schicksalskeule  war auch Peter Patzak nur ein halber Mensch gewesen: „Ich wusste nur eines: Ich musste funktionieren. Ganz pragmatisch. Selbst in ein schwarzes Loch zu  fallen, war nicht drinnen. Aber natürlich ist man völlig von der Spur. Aber auch da hat sie mir gezeigt, wie man wieder in die Gänge kommt. Ich war ein bisschen sehr salopp gekleidet in dieser Zeit und irgendwann habe ich mir endlich einen Anzug angezogen und bin rasiert und gekämmt erschienen. Da hat sie mich nur angesehen und mir dann ein sehr langes WOW! geschenkt.”

Man hat fast den Eindruck, dass Peter Patzak sich nach dem Schlaganfall noch einmal ordentlich in seine Frau verliebt hat. Er ist überzeugt davon, dass sie einmal in der Lage sein wird, ein Buch zu schreiben, in dem sie „uns erzählt, wie es in diesem Land, in dem sie zwangsexiliert war, so ist.” Es wäre eine wichtige Lektüre für jene, die ihre Angehörigen nach einem Schlaganfall direkt vom Reha-Zentrum ins Pflegeheim stecken, ohne sie je wieder nach Hause zu holen. Auch solche Geschichten haben die Patzaks bei ihrer Odysee durch das Schlaganfall-Land aus nächster Nähe erlebt.

Neun dicke Skizzenbücher hat Eve Patzak inzwischen seit dem November 2013 gefüllt. Der Titel ihrer Ausstellung heißt „It’s wonderful”. Es ist keine verbitterte Ansage, sondern ein trotziger Titel mit einem Schuss Ironie. Denn Eve Patzak will kein Fall sein, sondern ein Mensch, der sich gegen jede Form von Pessimismus stemmt. Sie will kein Mitleid, sondern maximal Empathie. Und jetzt will sie uns noch ein Bild zeigen, auf das sie besonders stolz ist. Dass sie in einem Strich ohne zu zögern nach dem letzten Besuch gemacht hat. Es zeigt sitzende Frauen und Männer mit sanften Augen. Und in zwei Sprechblasen steht zu lesen: „Ich schaffe” und „Ich zeichne”.